RobCo
08/2026

Wer 1870 zur Welt kam und 90 Jahre alt wurde, erlebte die Einführung der Elektrizität, des Autos und des Flugzeugs und starb in einer Zeit, in der Satelliten ins All flogen. Ein einziges Menschenleben, mehrere industrielle Revolutionen. Heute stehen wir wieder an einer solchen Schwelle: Industrie 5.0 beschreibt, wie KI, Robotik und eine neue Sicht auf den Menschen die Fertigung verändern. In einer Folge des RobTalk-Podcasts haben Timon und Clemens, Principal Engineer von RobCo Autonomy, den Weg von Industrie 1.0 bis 5.0 nachgezeichnet. Dieser Artikel fasst die Erkenntnisse zusammen.
Industrie 5.0 ist ein industriepolitisches Konzept der Europäischen Kommission, das die Rolle der Industrie neu definiert: Produktion soll nicht mehr allein auf Effizienz optimiert werden, sondern auf drei Säulen ruhen: Menschenzentrierung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Vorgestellt wurde das Konzept im Januar 2021 im Konzeptpapier „Industry 5.0 – Towards a sustainable, human-centric and resilient European industry".
Der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von seinen Vorgängern. Während Industrie 4.0 von Technologen und Industrievertretern beschrieben wurde, formuliert Industrie 5.0 ein gesellschaftliches Zielbild. Clemens bringt es im RobTalk-Podcast auf den Punkt: „Es ist eher eine normative Beschreibung: Wo wollen wir als Gesellschaft mit der Industrie hin?" Das zentrale Stichwort dabei sei „menschenzentriert statt maschinenzentriert".
Konkret bedeutet das: Nicht der Mensch passt sich der Maschine an, wie es seit der Fließbandarbeit des frühen 20. Jahrhunderts üblich war. Die Technologie passt sich dem Menschen an.
Gefertigt haben Menschen schon immer. Bronzezeitliche Kessel, römische Helme, die Massenproduktion von Schiffen im Arsenal von Venedig: Standardisierte Produkte gab es lange vor der ersten Fabrik. Sogar das Wort selbst verrät die Herkunft. „Fabrik" geht auf das lateinische „fabrica" zurück, die Werkstatt des „Faber", des Handwerkers. Die eigentlichen Revolutionen begannen, als neue Energie- und Informationsquellen die Produktion grundlegend veränderten.
Die Tabelle zeigt ein Muster: Jede Stufe baut auf der vorherigen auf, statt sie zu ersetzen. Speicherprogrammierbare Steuerungen aus der dritten Revolution arbeiten bis heute in Fabriken, während neuere KI-gestützte Systeme gerade erst in dieselben Fabriken Einzug halten.
Vor der Industrialisierung war Textilproduktion Heimarbeit: Händler verteilten Aufträge an Weber mit eigenen Webstühlen zu Hause, gewissermaßen das erste Homeoffice der Geschichte. Der mechanische Webstuhl änderte das radikal. Laut Clemens brachte er eine rund 40-fache Produktivitätssteigerung. Plötzlich arbeiteten Tausende Menschen an einem Ort, und erstmals trennten sich Fabrikbesitzer, Fabrikarbeiter und Verkaufsort voneinander.
Mit der Elektrifizierung ab dem späten 19. Jahrhundert wurde die Fabrik flexibel. Statt einer zentralen Dampfmaschine trieben viele kleine Motoren die Anlagen an. Das motorisierte Fließband, bekannt geworden durch Henry Ford, zerlegte die Arbeit in kleinste Schritte. Die Folgen reichten weit über die Fabrik hinaus: Massenproduktion demokratisierte Güter, die zuvor einer wohlhabenden Minderheit vorbehalten waren, und Bewegungen wie das Bauhaus setzten auf Standardisierung als Gestaltungsprinzip, festgehalten in der Formel „Form follows function": Die Form eines Objekts soll seinem Zweck dienen, nicht der Dekoration.
Ab den 1940er Jahren zeigte Claude Shannon, dass sich jede Information digital verarbeiten lässt. In den Fabriken hielten Sensoren, Regelkreise und speicherprogrammierbare Steuerungen Einzug, ab den 1960er Jahren auch die ersten Industrieroboter. Clemens beschreibt die Fabrik dieser Ära als „Signalverarbeitungsmaschine": Ein Sensor misst, ein Schalter kippt, ein Prozess startet. Das Prinzip dahinter kennt jeder aus dem eigenen Zuhause, denn ein Thermostat funktioniert genauso: Es erfasst die aktuelle Temperatur, vergleicht sie mit einem Zielwert und reagiert entsprechend.
Den Begriff Industrie 4.0 stellte ein Expertenkreis der Forschungsunion 2011 auf der Hannover Messe vor, als Zukunftsprojekt der Hightech-Strategie der Bundesregierung. Fünf Jahre später griff das Weltwirtschaftsforum das Konzept als „vierte industrielle Revolution" auf und machte es global bekannt. Inhaltlich ging es um vernetzte Sensorik, Internet of Things, digitale Zwillinge und datengetriebene Optimierung ganzer Lieferketten. Bemerkenswert: KI kam in den Gründungsdokumenten praktisch nicht vor. Der Begriff galt nach Jahrzehnten enttäuschter Erwartungen als verbraucht; stattdessen sprach man von cyber-physischen Systemen.
Der Unterschied zwischen Industrie 4.0 und Industrie 5.0 liegt weniger in der Technologie als in der Zielsetzung. Industrie 4.0 fragt, wie sich bestehende Prozesse effizienter machen lassen. Industrie 5.0 fragt, wozu die Industrie da sein soll.
Das Fazit aus dem Vergleich: Industrie 4.0 vs. 5.0 ist kein Entweder-oder. Die Europäische Kommission versteht Industrie 5.0 ausdrücklich als Ergänzung des bestehenden Paradigmas, nicht als dessen Ablösung. Vernetzung und Daten bleiben die Grundlage; neu ist der Anspruch, diese Fähigkeiten an gesellschaftlichen Werten auszurichten.
Das Konzeptpapier der EU-Kommission entstand als direkte Antwort auf die COVID-19-Pandemie. Die Krise legte offen, wie verwundbar hochoptimierte Lieferketten sind: Fehlte ein einziges Teil, standen bei Automobilherstellern ganze Produktionslinien still.
Dahinter steckt ein grundsätzlicher Zielkonflikt. „Resilienz und Effizienz sind gewissermaßen Gegenspieler", erklärt Clemens im Podcast und veranschaulicht das mit einem Callcenter: Effizient ist es mit möglichst wenigen Mitarbeitenden. Resilient ist es mit Reserven, die Anrufspitzen abfangen, auch wenn zwischendurch jemand nichts zu tun hat. Jahrzehntelang optimierte die Industrie der 4.0-Ära einseitig auf Effizienz, Stichwort Lean Production. Industrie 5.0 fordert, Resilienz als gleichwertiges Ziel zu behandeln.
Die Nachhaltigkeitssäule zielt auf Kreislaufwirtschaft und ressourcenschonende Produktion. Und die Menschenzentrierung reagiert auf eine ökonomische Realität: Der Arbeitskräftemangel in der Fertigung wächst, während die Verlagerung in Niedriglohnländer an ihre Grenzen stößt. Wenn immer weniger Menschen in Fabriken arbeiten wollen, muss Technologie die entstehenden Lücken schließen, ohne die Menschen zu verdrängen, die diese Arbeit leisten wollen.
KI ist der technologische Enabler, der Industrie 5.0 von einer Vision zur umsetzbaren Strategie macht. Clemens formuliert es so: Aus technologischer Sicht werde sich Industrie 5.0 „rein um den Begriff KI" drehen.
Drei Beispiele zeigen, was das konkret bedeutet:
Wie schnell diese Entwicklung voranschreitet, lässt sich schwer vorhersagen. Clemens zitiert dazu eine bekannte Faustregel: „Man überschätzt, wie weit man in einem Jahr kommt, und unterschätzt, wie weit man in zehn Jahren kommt."
RobCo entwickelt Autonome Industrierobotik, die die drei Säulen von Industrie 5.0 bereits heute praktisch umsetzt:
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Industrie 5.0 ist ein Konzept der Europäischen Kommission, das Industrie an drei Werten ausrichtet: Menschenzentrierung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Statt allein auf Effizienz zu optimieren, soll Technologie wie KI und Robotik dem Menschen dienen, Ressourcen schonen und Produktionssysteme krisenfester machen.
Nein, Industrie 5.0 ergänzt Industrie 4.0 und baut auf ihr auf. Die Vernetzung von Maschinen, Sensorik und Daten aus Industrie 4.0 bleibt die technische Grundlage. Neu ist die wertegetriebene Perspektive: Die EU-Kommission versteht ihr Konzept ausdrücklich nicht als chronologische Ablösung des bestehenden Paradigmas.
Die Europäische Kommission hat den Begriff mit ihrem Konzeptpapier „Industry 5.0 – Towards a sustainable, human-centric and resilient European industry" im Januar 2021 etabliert. Es entstand aus Workshops mit europäischen Forschungsorganisationen und als Reaktion auf die Verwundbarkeiten, die die COVID-19-Pandemie offengelegt hatte.
Die drei Säulen sind Menschenzentrierung, Nachhaltigkeit und Resilienz. Menschenzentrierung bedeutet, dass sich Technologie dem Menschen anpasst. Nachhaltigkeit zielt auf Kreislaufwirtschaft und ressourcenschonende Produktion. Resilienz beschreibt die Fähigkeit, Krisen und Marktveränderungen ohne Produktionsausfälle zu bewältigen.
Künstliche Intelligenz ist der zentrale Treiber von Industrie 5.0, ergänzt durch autonome Robotik, kollaborative Mensch-Maschine-Schnittstellen und modulare Hardware. KI ermöglicht, was klassische Automatisierung nicht leistet: den Umgang mit Variation in unstrukturierten Umgebungen, natürliche Interaktion und die schnelle Rekonfiguration ganzer Fertigungslinien.